Kommunikative Kompetenzen in der Pflege - Theorie und Praxis der verbalen und nonverbalen Interaktion

Kommunikative Kompetenzen in der Pflege - Theorie und Praxis der verbalen und nonverbalen Interaktion

 

 

 

von: Matthias Elzer, Claudia Sciborski

Hogrefe Verlag Bern (ehemals Hans Huber), 2007

ISBN: 9783456943367

Sprache: Deutsch

330 Seiten, Download: 6488 KB

 
Format:  PDF, auch als Online-Lesen

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Kommunikative Kompetenzen in der Pflege - Theorie und Praxis der verbalen und nonverbalen Interaktion



3 Menschliche Kommunikation und Ihre Bezugswissenschaften ( Matthias Elzer) (S. 53-54)

Im folgenden Kapitel soll der Bezug der Kommunikationswissenschaft zu verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen verdeutlicht werden. Die Philosophie der Antike (Aristoteles, um 330 v. Chr.) bezeichnete den Menschen als «zoon politikon» (soziales Lebewesen), was kommunikative Fähigkeiten einschließt. Die Kommunikation des Menschen, insbesondere die Verwendung der Sprache, war bereits vor der Formulierung einer eigenständigen «Kommunikationswissenschaft» ein zentrales Thema in der Philosophie, Anthropologie, Soziologie, Psychologie, Pädagogik, aber auch in der Biologie und in den naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen.Wir beschränken uns auf einige für unser Thema relevante Aspekte ausgewählter Bezugswissenschaften.

3.1 Anthropologische Aspekte

Die Anthropologie ist die Lehre von der Entwicklung des Menschen unter biologischen, kulturellen,sozialen und philosophischen Gesichtspunkten. Der Homo sapiens unterscheidet sich von anderen Lebewesen quantitativ und qualitativ durch eine größere Hirnrinde (Cortex) als neurophysiologisches Substrat insbesondere für die kognitiven Funktionen. Aus der Tierwelt ist bekannt, dass nicht nur Tiere höherer Ordnung wie Säugetiere, Primaten über Kommunikationssysteme durch Laute, Gesten, Gebärden, Bewegungen verfügen und miteinander kommunizieren, sondern auch einfachste Lebewesen wie Insekten, um z.B. Machtbeziehungen zu regulieren (Hierarchien), Futterquellen oder Fortpflanzungsbereitschaft mitzuteilen.

Die biologische Anthropologie sah in dem Gebrauch von Werkzeugen und des Feuers einen entscheidender Evolutionsvorteil gegenüber anderen Lebewesen. Der aufrechte Gang, der die Hände für den Gebrauch von Werkzeugen frei machte, hatte zudem nicht nur Vorteile für eine bessere und weitere Sicht in der Savanne, sondern auch für die Begegnung mit anderen Menschen. Somit stellt die Kommunikation, speziell die Entwicklung der Sprache und die Verwendung von Zeichen, für den Menschen einen weiteren, entscheidenden Evolutionsvorteil gegenüber anderen Lebewesen dar.

Anthropologische bzw. ethnologische Studien beschreiben, dass es in nahezu allen Kulturen ein bestimmtes Begrüßungsritual zwischen zwei Menschen gibt. Es handelt sich offenbar um ein archaisches Ritual (lat.: ritus = «heiliger Brauch»), das in verschiedenen Kulturen variiert wurde:

Begrüßungsritual
Es besteht aus einem kurzen Blickkontakt von Auge zu Auge, einer leicht nickenden Bewegung des Kopfes (oder gar Verbeugung), einem Lächeln und dem Zeigen der Hände oder Berühren mit den Händen. Häufig werden ritualisierte Sätze gesagt, die dem Gegenüber etwas Positives wünschen (z. B. «Guten Tag!» [europäische Kultur], «Friede sei mit Euch» [arabische/israelische Kultur], «Haben Sie schon gegessen?» [China]).

Dieses Ritual wird so interpretiert, dass die Menschen sich ohne aggressive Absichten und Waffen gegenübertreten und keine Angst voreinander haben müssen. Das Geben der Hand, die Umarmung, der Wangenkuss sind weitere körperlich-emotionale Ausdrucksformen, die die Wertschätzung des anderen unterstreichen. Mit der körperlichen Nähe kommt auch der Geruchssinn, der in der Tierwelt eine wichtige Rolle spielt, zum Einsatz («Den kann ich nicht riechen.»). Diese Rituale dienen der friedlichen und angstfreien Kommunikation und Interaktion. In einigen traditionellen Kulturen gehen die verbalen Rituale soweit, sogar durch Selbsterniedrigung den Gesprächspartner aufzuwerten (z. B. China: «Ich Unbedeutender freue mich, den berühmten Herrn Z. begrüßen zu dürfen.»). Das Archaische des Begrüßungsrituals ist zu erkennen, wenn gesellschaftliche Machtunterschiede zwischen den sich Begegnenden bestehen (Könige, Despoten, Religionsführer): Hier ist eine räumliche Distanz einzuhalten und Unterwerfungsgesten sind üblich, auch Staatsoberhäupter unterwerfen sich dem Papst gestisch bei der Audienz. Die Höhe des Kopfes repräsentiert die Wertigkeit, wir sprechen heute nicht umsonst von «gleicher Augenhöhe», eine Verbeugung bedeutet, sich dem anderen unterzuordnen, wenn nicht gar zu unterwerfen. Begleitet wird die Körpersprache durch verbale Selbstverkleinerung und Erhöhung der mächtigen Person. Letztlich erinnern solche Rituale der Begegnung an jene in der Tierwelt, in der die Bedeutung der Gesten instinktiv festgelegt sind.

Sprechen bzw. Sprache ist ein wesentliches Merkmal des Menschseins – der conditio humana. Die menschliche Sprache ist ein elaboriertes System von Zeichen oder Symbolen, das dem Denken, der gesprochenen und schriftlichen/bildlichen Kommunikation dient. Die menschliche Sprache unterscheidet sich von der der Primaten (z.B. Schimpansen) durch den Gebrauch der Grammatik. Auch Tiere können Zeichen und Symbole nutzen, aber beim Relativsatz hören ihre Fähigkeiten auf.

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