Transkulturelle Kompetenz - Lehrbuch für Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe

Transkulturelle Kompetenz - Lehrbuch für Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe

 

 

 

von: Dagmar Domenig

Hogrefe Verlag Bern (ehemals Hans Huber), 2007

ISBN: 9783456942568

Sprache: Deutsch

576 Seiten, Download: 4133 KB

 
Format:  PDF, auch als Online-Lesen

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Transkulturelle Kompetenz - Lehrbuch für Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe



1 Kultur als Begriff und als Ideologie – historisch und aktuell (S. 29)

Jutta Dornheim

1.1 Einleitung
Einige Jahrhunderte lang sind west- und mitteleuropäische, später auch nordamerikanische For schungsreisende in ferne Länder gezogen und haben über die dort lebenden Bewohne rInnen be richtet. Da ist von «primitiven Völkern», «Naturvölkern», «Ureinwohnern», «Wilden», «Stammes häuptlingen» und anderen Bezeichnungen die Rede, denn die westlichen ForscherInnen sahen die fremden Menschen und ihre Gewohnheiten ganz selbstverständlich durch die «getönte Brille», die sie in ihrem eigenen Land erworben hatten.

Der italienische Semiotiker und Kulturwissenschaftler Eco, der hierzulande vielen durch sein Buch und den Film «Der Name der Rose» bekannt geworden ist, hat jetzt den Spieß einmal umgedreht und uns beschrieben, wie ein polynesischer Forscher, den er Dr. Dobu de Dobu nennt, die Mailänder Bevölkerung erleben könnte, und dies liest sich so:

«Der Tagesablauf des Mailänder Eingeborenen richtet sich nach den elementaren Rhythmen der Sonne. Frühmorgens steht er auf, um sich seinen stammestypischen Tätigkeiten zu wid men: Stahlsammeln in den Plantagen, Anbau von Metallprofilen, Gerben von Plastikstoffen, Handel mit Kunstdünger, Säen von Transistoren, Weiden von Lambrettaherden, Zucht von Alfaromeos und so weiter.

Gleichwohl liebt der Eingeborene seine Arbeit nicht und tut alles nur Erdenkliche, um ihren Beginn hinauszuzögern. Dabei scheinen ihm eigentümlicherweise die Stammeshäuptlinge zu helfen, indem sie z. B. die gewohnten Transportwege absperren, die alten Trambahngleise herausreißen lassen, den Verkehr behindern durch breite gelbe, auf die Saumpfade gemalte Streifen (mit klarer Tabu-Bedeutung) und schließlich an den unerwartets ten Stellen tiefe Löcher graben, so dass viele Eingeborene hineinstürzen und vermutlich den lokalen Göttern geopfert werden.»

[Eco, 1997, zit. n. Drechsel et al., 2000: 1].
1.2 Das «Eigene» und das «Fremde» – die bisher grund legenden Dimen sionen von Kulturerleben
Wenden wir uns dem Erleben von Dr. Dobu de Dobu zu, fällt auf, wie das, was er sieht, damit zu tun hat, was er zu sehen gewohnt ist: Die Tätigkeit des Sammelns scheint ihm aus seiner Gesellschaft vertraut zu sein, bemerkenswert findet er aber, dass in Mailand «Stahl» gesammelt wird. Da ihm auch Plantagen vertraut sind, erscheint ihm das Aufsuchen der Autos, die auf den Mailänder Straßen und Plätzen geparkt sind, als «Stahlsammeln».

Auffallend für uns, die wir gewohnt sind, zwischen Gegenständen und Lebewesen, also zwischen «belebt» und «unbelebt» zu unterscheiden, ist, dass dieser polynesische Forscher «sieht», wie die MailänderInnen Transistoren säen, Metallprofile anbauen, Alfaromeos züchten und Lambrettaherden weiden. Eine Übereinstimmung zwischen den «Mailänder Eingeborenen» und dem Forscher besteht darin, dass Dr. de Dobu die genannten Dinge als Produkte menschlicher Arbeit identifiziert.

Gäbe es diese gemeinsame Perspektive nicht, würde Dr. de Dobu vielleicht von «Lambretta-Rudeln» oder «Alfaromeo-Völkern» sprechen – wie wir von Wolfsrudeln und Bienenvölkern. Auch Stammeshäuptlinge und ihre unvorhersehbaren Launen kennt Dr. de Dobu so gut, dass ihm die enge Zusammenarbeit der Häuptlinge mit den lokalen Göttern ganz selbstverständlich erscheint, und so kann er die täglichen Mailänder Verkehrsopfer nicht anders denn als rituelle Opferungen verstehen.

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